Ethik
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Diskussion und Experteninterview zu Freiheit und Determination am Institut für Philosophie II mit PD Dr. Müller


Stell dir vor, du gehst hoch auf den Dachboden und findest in einer Ecke des Speichers hinter allerlei alten Sachen versteckt ein Buch, das vor 200 Jahren geschrieben worden ist und in dem jedes noch so kleine, noch so scheinbar unbedeutende Detail deines Lebens genau beschrieben ist. Was du etwa vor zwei Jahren im Urlaub unternommen, wem du was in der Grundschule zum Geburtstag geschenkt, wie oft du bei deinen ersten Fahrradfahrversuchen dein Knie verletzt hast. Wie denkst du nach der Lektüre bis zu deinem bisherigen Leben über all die glücklichen Momente, Erlebnisse und Zufälle nach? Und wie wird sich dein Handeln nun verändert haben? Denn bedenke, wenn du in dem Buch weiter liest als bis zu dem Punkt, da du dieses Buch findest, wirst du erfahren, was noch alles geschehen wird, oder: was schon alles geplant worden ist. Liest du also weiter, ist dein Handeln dann noch überhaupt frei?

Dieses und ähnliche Gedankenexperimente im Sinne von Freiheit und Determination wurden während unseres Besuches bei Herrn Dr. Jörn Müller untersucht und weitergeführt. Das Thema Freiheit und Determination - also: wie frei und wie unfrei bin ich? - bildet den Kern des zweiten Halbjahres des Ethikkurses der elften Jahrgangsstufe. Wir, die Schülerinnen und Schüler des Ethikkurses, und unser Kursleiter Herr Dettmar hatten dazu die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Dr. Jörn Müller, der seit 2007 am Institut für Philosophie der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg lehrt und sich unter anderem ausführlich mit dem Thema Willens- und Handlungsfreiheit befasst. Dr. Müller ist also ein wirklicher Fachmann auf diesem Gebiet, obwohl er der Behauptung, studierte Philosophen seien wirkliche Philosophen und unstudierte eben keine, sehr kritisch gegenüber steht. Herr Dr. Müller empfing uns am 15. April 2011 im Südflügel der Würzburger Residenz sehr freundlich, beantwortete unsere Fragen sehr präzise, aber dennoch detailreich, auf einem hohen Niveau, aber dennoch verständlich. Er erwähnte die einzelnen bedeutenden Abschnitte in der Geschichte der Philosophie, diskutierte mit uns die Frage, wie frei wir uns selbst fühlen, und beschrieb die Berufschancen als studierter Philosoph, die weitaus besser sind, als man denken mag: Herr Dr. Müller erklärte uns, dass Philosophie keine bloße brotlose Wissenschaft ist. Im Gegenteil: In großen Wirtschaftsunternehmen erfüllen Philosophen weniger die Funktion eines Alibiphilosophen als die eines gefragten Querdenkers, wie Herr Dr. Müller aus eigenen Erfahrungen berichten konnte. Außerdem war er sehr offen und bereit, ein Gespräch für unser Schulradio speAGK.fm zu führen und sich dabei noch filmen zu lassen.

Anschließend zeigte er uns den Toscana-Saal, einen Vorlesungssaal in der Würzburger Residenz, der den restlichen Räumen der Residenz in nichts nachsteht und mit seinen Fresken, verspiegelten Wänden und einer besonderen Atmosphäre den krönenden Abschluss einer inspirierenden und den Horizont erweiternden Exkursion bildete, die den manchmal all zu theoretischen Unterrichtsstoff auf eine praktische Ebene verpflanzte und ihn des weiteren anschaulicher machte.


Thomas Feiler, Q11


Die Reportage dazu finden Sie/findet ihr auf: http://www.youtube.com/watch?v=3be1oZbJL3Q


Rückblick in die Vergangenheit Kitzingens


Führung zu symbolischen Lernorten


Am 11.11.2010 fand sich der Ethikkurs von Herrn Dettmar, bestehend aus Schülern der 10. Klassen, morgens vor der Kitzinger Synagoge ein, um mit Herrn Landmann vom Medienzentrum Kitzingen eine kleine Reise in die Vergangenheit unseres Schulorts zu unternehmen. Der vormittägliche Vortrag mit Führung und Filmbeitrag handelte von Kitzingen während des 3. Reichs. Insbesondere wurde der Umgang mit den dort ansässigen jüdischen Mitbürgern thematisiert.

Angeregt durch ein Unterrichtskapitel, das sich mit dem Gewissen der Menschen und der Geschichte von Anne Frank befasste, hatten wir uns dazu entschlossen, an der Führung zu historischen Orten in Kitzingen teilzunehmen, die anlässlich des Jahrestags der Reichskristallnacht durchgeführt wurde.

Hauptthema der Führung war das Judenpogrom vom 9.11..1938. Vorwand dafür war der kurz zuvor begangene Mord des 17-jährigen Juden Herschel Grynspan an dem Legationssekretär Ernst von Rat in der deutschen Botschaft zu Paris.. Daraufhin wurden in radikaler Art und Weise in Kitzingen die Synagoge sowie die Geschäfte und Wohnstätten der Juden zerstört. In der ersten Nacht wurden 59 jüdische Männer deportiert, Frauen und Kinder wurden zur ehemaligen jüdischen Elementarschule (heutiges Stadtmuseum) geführt und eingesperrt, bis auch sie weggebracht wurden. Um dieses „Spektakel“ ansehen und die Kitzinger Juden verspotten zu können, bekamen sogar die Schüler und ihre Lehrer schulfrei. So sangen sie ihre Hasslieder, während die Synagoge lichterloh brannte.

Während dieser Zeit mussten auch alle jüdischen Geschäfte schließen. Sie wurden weit unter Wert an arische

Familien verkauft. Darunter fiel zum Beispiel das Café Frankenberger (heute VR Bank), das zum halben Preis an die Firma Kesselring verkauft wurde. Dort angekommen erfuhren wir, dass dieses ein ehemaliger kultureller Treffpunkt für die Demokraten war.

Mit unseren neu erworbenen Eindrücken gingen wir zum Leidenhof, welcher schon im Bauernkrieg einen Ort des Leidens darstellte. In der NS-Zeit wurden dort die männlichen Juden vor der Deportation festgehalten..

Nur wenigen Familien war es möglich, in dieser Zeit zu fliehen, da es viel Geld erforderte, um in die USA oder die Schweiz auszuwandern. Am 24. März 1942 wurde die Sammlung von 208 Juden am Adolf-Hitler-Platz (Königsplatz) befohlen. Ihr Weg führte vom Fränkischen Hof bis zum Bahnhof. Von dort aus wurden sie in das Ghetto von Izbica bei Lublin gebracht. Die meisten kamen schon bald im Vernichtungslager Sobibor zu Tode. Nach diesem Abtransport galt Kitzingen, das streng nationalsozialistisch war, als judenfrei. Heute erinnern an diese Gewalttaten unter anderem auch die Stolpersteine, auf die wir vor den Häusern, in denen damals Juden lebten, stießen.

Herr Landmann verdeutlichte uns die Auswirkungen der Judenvertreibung auch speziell am Schicksal der Familie Glückstein: Die beiden Söhne Abraham und Josef Glückstein lebten am Krainberg. Abraham Glückstein wanderte kurz vor der alles entscheidenden Reichskristallnacht nach Amerika aus und entkam so dem Schicksal, das seinem Bruder blühte. Josef konnte bei der ersten Deportationswelle nach Belgien fliehen. und hat dort bis 1942 gelebt. Er wurde in Belgien von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) zuerst in ein Lager in Belgien, anschließend in verschiedene deutsche Lager, u.a. Auschwitz, gebracht. Nachdem er mit viel Glück die Leidenszeit überlebt hatte, schrieb er 1945 einen bewegenden Brief an seinen Bruder, in dem er seine Erlebnisse in den KZs und seine Heimkehr nach Kitzingen beschrieb.

Abschließend fanden sich alle SchülerInnen in der Synagoge ein, um eine Dokumentation anzuschauen, die den Vortrag noch weiter veranschaulichte.

Rückblickend war das Projekt sehr aufschlussreich und ergreifend, wie alle fanden.


Quynh, Annabelle, Katja, Yannick und Sandro


Anmerkung zum historischen Bild der Synagoge in Kitzingen, Nov.1938:

Quelle: www.kitziblog.de/wp-content/uploads/2008/10/reichskristallnacht2.jpg